Welches Maß an Detailtiefe Lesende erwarten, wenn es um das Aussehen von Figuren geht, ist je nach Genre verschieden. Im Bereich Romance geht es natürlich auch um körperliche Anziehung, um das gewisse Etwas: stechend blaue Augen, stahlharte Muskeln oder volle Lippen. Hier darf man unbedingt ausufernder sein, wohingegen etwa im Thriller die Frisur des Ermittlers eine untergeordnete Rolle spielt (sofern sie nicht Ausdruck seiner durchwachten Nächte ist).
Unabhängig vom Genre ist aber klar: Das Äußere von Figuren kann viel über sie verraten.
Die Frage ist nur: Wie bringt man es am besten unter?
Vermeiden sollte man vor allem das steckbriefartige Abhaken körperlicher Merkmale, wenn man Figuren einführt: „Sie war sportlich, hochgewachsen, hatte blonde Locken und leuchtend grüne Augen.“ Ich habe schon Texte gelesen, in denen jede neue Figur eine derartige Beschreibung im Schlepptau hatte. Klar, die Informationen sind (je nach Kontext) vielleicht relevant, und trotzdem wirkt es pflichtschuldig und leblos.
Warum?
Es ist bloß eine Liste mit wenig Aussagekraft. Und je öfter so was vorkommt, desto mehr entsteht der Eindruck, hier wollte jemand einfach schnell abhaken, was es über diese Figur im Hinblick auf äußerliche Merkmale zu sagen gibt: Körperform, Haarfarbe, Frisur, Augenfarbe, weiter im Text. Oft sind die aufgezählten Äußerlichkeiten auch derart generisch, dass sie zwar Informationen liefern, aber gleichzeitig wenig sagen.
Je charakteristischer ein Merkmal ist, desto stärker regt es die Fantasie von Leser*innen an und desto mehr Wiedererkennungswert hat es. Statt also stumpf herunterzurattern, was oft (nicht immer, siehe Romance) ohnehin nebensächlich ist, sollte man sich lieber auch bei den Äußerlichkeiten einer Figur auf das konzentrieren, was sie einzigartig macht oder mehr über sie verrät (z. B. bestimmter Kleidungsstil, besonders akkurat oder besonders nachlässig, kunstvolles Make-up oder gar keins, Zahnlücken, Grübchen etc.).
Aber wenn ich nun weiß, welche Merkmale meiner Figur wichtig sind: Wie vermittle ich diese Informationen?
Die Antwort: Am besten beiläufig, ohne zu viel Fokus darauf zu lenken.
Nicht alles auf einmal raushauen, sondern dosiert Informationen im Text verteilen. Niemand muss in der ersten Szene einer Figur jedes Detail über ihr Aussehen erfahren.
Ein Merkmal szenisch einzubinden, verringert den Eindruck bloßer Aufzählung und ermöglicht z. B. gleichzeitig, etwas über die Gemütslage der Figur preiszugeben. Statt zu schreiben: „Sie trug einen Batikrock und Ledersandalen und eine schwere Goldkette“ kann man z. B. eine andere Figur beobachten lassen, dass diese Protagonistin nervös an ihrer Goldkette nestelt oder mit den Füßen wackelt, die in teuren Ledersandalen stecken.
Am Ende ist auch die Perspektive entscheidend, aus der eine Figur geschildert wird, und in welcher Beziehung der Erzähler oder die Erzählerin zu der geschilderten Figur steht. Je intimer und tiefer die Verbindung ist, desto unwahrscheinlicher wird, dass man über sie als „blondhaarigen Junge“ oder „athletische Frau“ nachdenkt und spricht.
Am Ende ist also wichtig: Zielgruppenerwartungen und Perspektive im Auge behalten, charakteristische Merkmale statt generische wählen und dosiert einstreuen, Merkmale von Figuren szenisch einbetten (z. B.: „Der Wind hatte ihre roten Locken völlig zerzaust“ statt „Sie hatte rote Locken“)
